26.02.2016  Recorded Music  Messen/Events

Where's The Music? 2016: Indies <3 Majors – ein zweischneidiges Schwert

 

Norrköping - Sind Indie-Teams leidenschaftlicher als Major-Mitarbeiter, bevorzugen Streaming-Dienste Major-Künstler und wie hat sich das Verhältnis Indies zu Majors seit dem Crash geändert? Beim Panel "Indies <3 Major Labels" der von FKP Scorpio veranstalteten "Where's The Music? 2016"-Konferenz diskutierten Patrik Larsson (A&R Playground Music), Ellie Hewitt (International Marketing Manager Glassnote Records), Ineke Daans (Live Strategy Manager PIAS & PIAS Nites Coordinator) und David Mortimer-Hawkins (A&R Sony Music Sweden).

Die Beziehung zwischen Indies und Major Labels war lange Zeit problematisch – Indies haben nie die gleichen Deals bekommen, von denen Majors profitieren, erklärte Ineke Daans, die seit fast 20 Jahren für PIAS arbeitet. Doch in den letzten Jahren habe sich die Lage deutlich verbessert. Ein Umstand, der besonders dem Indie-Verband Merlin geschuldet sei. Anstatt mit hunderten einzelner Labels zu verhandeln, können Dienste nun mit Merlin einen Gesamtvertrag für alle in Merlin zusammengefassten Indies eingehen.

David Mortimer-Hawkins, A&R bei Sony Music, sieht eine Art Hassliebe zwischen Indies und Majors: "Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es gab schon immer Kooperationen, aber es kommt auch immer wieder zu Schlammschlachten – meistens von den Indies ausgehend." Dennoch sieht Mortimer-Hawkins die Unterschiede zwischen Indies und Majors verwischen: "Wenn man an der Oberfläche kratzt, findet man viele Gemeinsamkeiten. Viele Majors haben begonnen unabhängiger zu agieren und Indies haben angefangen mehr wie ein Major zu arbeiten."

Einig war sich das Panel was die Herausforderungen der gesamten Branche betrifft, man säße im Endeffekt doch in einem Boot. Patrik Larsson, A&R bei Playground Music, erklärte: "Wir haben alle die gleichen Hürden zu meistern. Wir müssen Spotify überzeugen, müssen den Hörer überzeugen. Wir stehen nicht nur mit den Majors in Konkurrenz, sondern mit der gesamten Branche. Es ist letztendlich doch ein People's Business – man muss sich den Arsch abarbeiten, um seinem Act zum Erfolg zu verhelfen und Geld reinzuholen."

Die Emanzipation der Künstler

Vor allem dank technologischer Fortschritte ist es mittlerweile vergleichsweise kostengünstig Tonträger aufzunehmen – das sei einer der großen Punkte, weswegen Majors ein wenig an Bedeutung eingebüßt haben, findet Daans: "Heutzutage brauchen viele viel Bands die Majors nicht mehr für die Aufnahmen. Die Finanzierung von Alben ist nicht mehr das große Problem, was alles ein wenig ausbalanciert."

Generell wissen Künstler heutzutage besser bescheid und treffen ihre Entscheidungen häufig bewusster. "Es gibt ein neues Bewusstsein in der Künstler-Gemeinde – viele wollen ihr eigenes Label aufbauen und einfach alles selbst in die Hand nehmen und nur Leute engagieren, die ein wenig helfen. Wir haben in Schweden viele Künstler, die im Management-Bereich alles selbst erledigen."

Dem stimmte David Mortimer-Hawkins zu: "In den 80ern war es eine große Sache, wenn A&R-Leute zu einem Konzert kamen. Heute ist es mehr so 'Ach, euch gibt es noch?'".

Mortimer-Hawkins erwähnte jedoch auch, dass viele Bands den Aufwand unterschätzen: "Wir haben immer mehr Bands, die zu Anfang alles alleine erledigt haben und aber schnell gemerkt haben, dass das dem Kreativsein in die Quere kommt. Daher nutzen viele unsere Label-Services."

Darauf ob Majors Indies noch immer mit höheren Angeboten Künstler wegschnappen, konnten sich Mortimer-Hawkins und Patrik Larsson nicht einigen. "Es geht meistens nicht ums Geld, denn die meisten Signings laufen darauf hinaus, mit wem man sich besser versteht", findet zumindest Sony-A&R David Mortimer-Hawkins. Doch Ineke Daans glaubt, dass es gar nicht so sehr ein "wir gegen sie" ist, für Daans geht es einzig um den Kunden: "Wir wollen nicht besser als die Majors sein, wir wollen uns selbst übertreffen."

Kriegsentscheidend sei letztendlich immer, dass man auf einer Wellenlänge sei, die gleiche Vorstellung hat und gut miteinander auskommt, fanden alle Panel-Teilnehmer. "Ich habe damit angefangen, von Anfang an sehr ehrlich zu sein, damit alle wissen, woran sie sind", sagte Patrik Larsson. "Danach erst wird verhandelt. Und dann kommt es auf den Künstler an, der entscheiden muss, was für ihn das Beste ist."

Indies und Majors: Die Unterschiede

Moderatorin Ika Johannesson merkte an, dass Indies zumeist ein besseres Image hätten. Häufig herrsche die Meinung, dass Indies hart arbeitende Leute sind, die mit Leidenschaft für die Musik dabei sind, während die Majors nur zum Kassieren da wären.

Ineke Daans sieht den Unterschied vor allem in der Unternehmensstruktur: "I weiß gerne wer mein Chef ist und dass ich nicht einfach für anonyme Aktionäre arbeite."

Ellie Hewitt, International Marketing Manager bei Glassnote Records, ein Indie, der vom Universal-Indie-Zweig Caroline betreut wird, betonte die unterschiedliche Art von Beziehung der Unternehmen zu ihren Künstlern: "Majors können nicht jedem Künstler die nötige Zeit einräumen, weil es einfach so viele sind, um die sie sich kümmern müssen. Indies haben viel mehr Zeit auch für kleinere Künstler." Auch für die Mitarbeiter findet Hewitt Indies vorteilhaft: "Bei einem Indie kann man viel mehr lernen, denn die Unternehmen sind so viel kleiner und es gibt immer so viel zu tun." – Gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich viel ändert und viel dazugelernt werden muss.

Um wettbewerbsfähiger zu sein, haben viele Indies ihre internationalen Netzwerke ausgebaut, so auch PIAS, das Universal Music Co-Op abgekauft hat, um eine ganzheitliche Indie-Lösung anzubieten. Andere Indies übergeben nur den physischen Vertrieb an Majors oder den physischen und digitalen. Wiederum andere setzen auf Lizenz-Deals.

Für Major Labels ist die Zusammenarbeit mit Indies eine gute Möglichkeit neue Talente im Auge zu behalten, ohne selbst investieren zu müssen. Indies hingegen profitieren vom Know-how und dem großen Netzwerk der Majors. So ist es für Majors immer noch sehr viel einfacher, auf die viel besagten Streaming-Playlisten zu kommen.

Internet = Demokratie?

Der Einbruch der Umsätze aufgrund von Piraterie Anfang der 2000er Jahre hat die gesamte Branche schwer getroffen, egal ob großer Konzern oder kleiner Indie. "Es gab leider keinen Weg daran vorbei", sagte Daans. "Keiner von uns war vorbereitet, aber wir haben hoffentlich das Schlimmste hinter uns. Das einzig Gute daran war, dass man nun vorsichtiger ist."

Dem pflichtete Larsson bei: "Die Diskussionen zu Signings sind länger geworden, denn wir wollen uns sicher sein, dass wir uns für diesen Künstler auch wirklich den Arsch abarbeiten wollen. Wir können uns nicht mehr so viele Patzer leisten."

Sonys David Mortimer-Hawkins ging soweit, den Crash bzw. den darauf folgenden Lernprozess im Nachhinein als gesund zu bezeichnen: "Hätten wir das nicht erlebt, hätten wir nicht so progressiv beim Aufkommen der Streaming-Dienste reagiert. Als die Internet-Piraterie aufkam, haben die Medien das so gewertet, als würden die Konsumenten der Musikindustrie eins auswischen wollen. Aber das ist den Leuten doch egal, sie haben es getan, einfach, weil es bequem war. Als etwas besseres als MP3s gefunden wurde, sind die Leute dazu übergegangen." Ähnliches hatte bereits Stevie-Wonder-Manager Keith Harris in Panel "Where's The Money?" gesagt.

Doch auch die PR-Arbeit hat sich drastisch geändert; Social-Media-Kanäle müssen befüllt werden und Künstler immer mehr als Marken aufgebaut werden, wie Larsson erklärte: "Wir müssen zu jedem Künstler eine Geschichte erzählen, denn die Medien berichten nicht mehr über Musik wie sie es einmal taten. Die besten Signings sind sowieso die Künstler, die gar keinen Vertrag wollen. Denn die kennen ihre Zielgruppe bereits und wissen wie sie ihn erreichen."

Seit sich die Branche wieder erholt hat, wird auch wieder mehr Geld in Künstler investiert, doch das hohe Level der 90er ist immer noch in weiter Ferne. "Wir haben damals bemerkt, dass die Absatzzahlen schrumpfen, aber wir wussten nicht, was wir tun sollen", erzählt Mortimer-Hawkins. "Alle wurden davon völlig überrumpelt. Keiner der Majors ist mit der Situation gut umgegangen, der Kopierschutz war grauenvoll. Wir sind sehr stolz darauf, danach von Anfang an verstanden zu haben, dass Streaming das ist, was die Leute wollen. Wir sind genauso stolz darauf wie wir darauf nicht stolz sind, wie wir mit der Piraterie umgegangen sind." Denn damals hat die Branche vor allem auf viele Klagen gesetzt, besonders gegen Privatpersonen.

Auch, dass das Veröffentlichen von Songs und Alben mittlerweile mehr eine langfristige Investition ist, da die Einnahmen kleiner aber dafür über einen langen Zeitraum generiert werden, ist noch neu. An der Spitze säßen häufig immer noch Bosse, die aus einer völlig anderen Zeit stammen und sich nach wie vor fragen, was aus den CD-Verkäufen wurde, so Hewitt.

Was jetzt – Indie oder Major?

Natürlich konnten die Panel-Teilnehmer am Ende noch eine Lanze für ihr jeweiliges Unternehmen brechen. "Fight the power!", findet Patrik Larsson. "Wir müssen den Leuten klar machen, dass es Alternativen zu den Majors gibt. Wir brauchen mehr Erfolge wie Adele und Robyn, die die Vorteile davon aufzeigen, völlige Kontrolle über seine Aufnahmen zu besitzen. Viele Küstler denken, dass sie automatisch Superstars werden, wenn sie bei einem Major unterschreiben. Wir müssen den Künstler die Möglichkeiten aufzeigen und sie überzeugen, auf lange Sicht zu denken."

David Mortimer-Hawkins sieht das natürlich anders: "Die Vorteile eines Majors sind das große Team, das dafür arbeitet, Aufmerksamkeit für deine Musik zu generieren. Wir haben die Möglichkeiten mit iTunes und Spotify etc. zu arbeiten und sicherzustellen, dass die Musik gestreut wird. Und unsere Teams sind mindestens genauso leidenschaftlich dabei wie die bei den Indies, denke ich."

Ellie Hewitt stört sich daran, dass Majors immer noch Künstler wegschnappen, sobald sie vom Indie ausreichend aufgebaut wurden: "Wir müssen voneinander lernen, anstatt uns gegenseitig Künstler wegzunehmen, sobald sie sich etabliert haben. Denn das passiert immer noch."

Ineke Daans findet hingegen, dass die Indies eher auf ihre eigenen Reihen achten müssen: "Es sind mehr die Mitarbeiter, die wir an die Majors verlieren, gar nicht so sehr die Künstler. Und wir müssen weiter für Gleichberechtigung kämpfen, das ist das Wichtigste."

Auf die Frage der mangelnden Transparenz hin, die oftmals Majors vorgeworfen wird, versprach Mortimer-Hawkins, dass bereits Verbesserungen in Arbeit sind. Dass Künstler einen immer größeren Teil der Arbeit übernehmen, zollte auch Larsson Tribut: "Es wird immer mehr eine Partnerschaft mit dem Künstler", findet Larsson. "Vielleicht sollten sie auch einen größeren Prozentteil bekommen."

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