11.04.2014  Recorded Music  International

Spanien: 84 Prozent von Entertainment-Inhalten illegal konsumiert

 

Madrid - Einer neuen Studie zufolge werden in Spanien 84 Prozent aller Entertainment-Inhalte im Internet illegal beschafft. Der Bericht "Observatorio de Piratería y Hábitos de Consumo de Contenidos Digitales" besagt, dass über die Hälfte aller Internet-User in Spanien illegale Downloads nutzt.

Besonders hart trifft dies die Musikbranche. Insgesamt wurden 2013 geschätzte 1,974 Millionen Veröffentlichungen illegal heruntergeladen. Das sind zwar weniger als im Vorjahr, dennoch sollen illegale Downloads allein der spanischen Musikwirtschaft Einnahmen in Höhe von sechs Millionen Euro verbaut haben. Zudem gaben 28 Prozent der Befragten an, Musik regelmäßig illegal herunterzuladen. Zwar gaben noch mehr Leute an, regelmäßig Filme illegal herunterzuladen – 40 Prozent – doch die Anzahl an illegal heruntergeladenen Filmen sei halb so groß wie die Anzahl an illegalen Musik-Downloads.

Antonio Guiasola, President des Musikindustrieverbandes Promusicae und IFPI-Vertreter in Spanien, erklärte die dramatische Situation der Musikindustrie im letzten Jahresbericht: "Der Betrag, den Spanier jährlich für Musik ausgeben, ist seit 2001 um 80 Prozent gesunken. Dies ist vor allem damit zu erklären, dass in Spanien die generelle Sichtweise herrscht, dass audiovisuelle Inhalte kostenlos sein sollten."

73 Prozent der Befragten gaben dementsprechend auch an, illegale Downloads zu nutzen, weil sie kostenlos sind. 50 Prozent der Befragten hätten mit der Piraterie begonnen, nachdem die neue Kultursteuer von 21 Prozent 2012 eingeführt wurde. Nach Protesten aus dem Kreativbereich hat Premierminister Mariano Rajoy die Steuer mittlerweile bereits auf zehn Prozent gesenkt.

In dem Bericht heißt es zudem, 23 Prozent der Befragten hätten nicht das Gefühl, jemandem zu schaden. Dass sich demnach 77 Prozent des negativen Effekts bewusst sind, wird jedoch als Fortschritt gewertet – die Konsequenzen für die Kreativbranche scheinen langsam zu den Konsumeten durchzudringen.

Insgesamt schätzt der Bericht die Ausfälle für die Kreativbranche aufgrund von illegalen Downloads auf über 16 Milliarden Euro. Zudem würden – bis auf den Bereich Musik – immer mehr Downloads illegal getätigt. Den größten Anstieg verzeichneten E-Books. 2013 sind laut der Studie drei Mal so viele E-Books illegal heruntergeladen worden wie 2012.

Repräsentabel oder nicht?

Wie repräsentabel die Studie ist, wird allerdings vom spanischen Kultusministerium angezweifelt. Da es sich um einen Bericht handelt, der von einer Koalition aus Musik-, Film-, Verlags- und Videospielfirmen gesponsert wurde, sei er "eine grobe von Interessengruppen in Auftrag gegebene Meinungsstudie". Unter dem neuen Anti-Piraterie-Gesetz "Ley Sinde" seien bereits 23 Websites offline genommen worden und 162 Seiten hätten Content offline nehmen müssen.

Die International Intellectual Property Alliance sieht das anders. In einer Memo zu Urheberrechtsschutz in Spanien wurde die Regierung gerügt. Die spanische Urheberrechtskommission reagiere extrem langsam auf Beschwerden von Rechteinhabern, nur ein Fall sei seit der Einführung 2012 zu einem befriedigendem Schluss gekommen.

Spanien hat zudem im internationalen Vergleich geringe digitale Wachstumsraten. Nur neun Prozent ist der digitale Sektor im vergangenen Jahr gewachsen – im europäischen Vergleich sind das 13 Prozent weniger als der Durchschnitt. "Damit wird der Abstand zwischen uns und den anderen großen internationalen Märkten immer größer", erklärt Guiasola.

Wenig hilfreich ist sicherlich die Uneinigkeit in den eigenen Reihen. So hat die spanische Verwertungsgesellschaft SGAE gleich zwei Skandale in nur etwas über einem Jahr verkraften müssen: Zuerst wurde im Mai 2012 Eduardo "Teddy" Bautista als SGAE-Präsident abgesetzt – er und sieben weitere SGAE-Mitglieder wurde wegen mutmaßlicher Unterschlagung von 400 Millionen Euro von der spanischen Polizei festgenommen. Nur rund ein Jahr später wurde auch sein Nachfolger Antón Reixa durch das Board Of Directors der SGAE seines Amtes enthoben.

Musikwirtschaft im freien Fall

Problematisch ist auch, dass die Kulturindustrie den laxen Umgang mit illegalen Downloads zu lang hingenommen hat – Subventionen haben die Einbußen aufgefangen. Aufgrund der Wirtschaftskrise musste die Regierung jedoch Kulturprogramme kippen – mit verheerenden Folgen: So hieß es 2012 die Konzerteinnahmen seien im Vergleich zu 2009 um 85 Prozent gefallen, zusätzlich zu den 80 prozentigen Einbußen aus Tonträgerverkäufen im letzten Jahrzehnt. "Die Leute haben sich daran gewöhnt, nichts für Konzerte und für Downloads zu zahlen", sagte Emilio Santamaria, President der Live-Verbands ARTE, 2012. "Wir sind darauf reingefallen, eine Branche rund um Subventionen aufzubauen. Nun gibt es kein Geld und die Branche kann so nicht überleben. Niemand hätte jemals gedacht, dass der Staat nicht mehr unser größter Kunde sein könnte."

Weltweit ist die Tonträgerindustrie wieder am Aufatmen. Zwar verzeichnete die IFPI für den globalen Umsatz 2013 mit 15,9 Milliarden US-Dollar ein Minus von 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dies lag allerdings vor allem an den desaströsen Absatzzahlen des weltweit zweitgrößten Musikmarktes, Japan, der große Einbußen von minus 16,7 Prozent einfuhr. Weltweit waren die Einnahmen, Japan ausgeschlossen, stabil. In vielen Regionen geht es zudem bergauf, so in den USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Südkorea. Auch die deutsche Musikindustrie kann sich freuen: Mit dem Plus von 1,2 Prozent auf umgerechnet 1,37 Milliarden US-Dollar sticht sie den britischen Tonträgermarkt um 70 Millionen Dollar aus und ist wieder der drittstärkste Musikmarkt weltweit hinter den USA und Japan.

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