12.07.2012  Recorded Music  Szene

Rolling Stones: 50 Jahre "Sex, Drugs and Rock'n'Roll"

 

München - Sind wir nicht alle ein bisschen Mick Jagger? Weshalb zum 50. Geburtstag der Rolling Stones eine tiefe Verbeugung fällig ist. Denn vor genau 50 Jahren spielten die Rocker ihren ersten Gig im Club Marquee. Und nicht nur das. Für die "Goldene Hochzeit" bedanken sich die Rolling Stones bei ihren Fans sogar persönlich mit einem Foto vor dem geschichtsträchtigen Club und einer Nachricht von Mick Jagger und den Rolling Stones auf Twitter und der Rolling-Stones-Homepage www.rollingstones.com.



Kennt noch jemand Leif Garrett? Der war Ende der siebziger Jahre ein echter Popstar. Kreischende Teenies, „Bravo“-Starschnitt, das ganze Programm. Dann ließ das Interesse am blondgelockten Schönling nach, Garrett generierte höchstens noch durch Autounfälle und Heroinmissbrauch Schlagzeilen. Tragisch, aber in ihren Grundzügen eine Karriere ganz im Sinne von Andy Warhols Pop-Postulat: Garrett hatte seine Viertelstunde Ruhm, war letztlich aber austauschbar und sein künstlerischer Output in Machart und Wirkung jederzeit reproduzierbar. Mit einem anderen schönen Gesicht, nur ein wenig jünger und dem Zeitgeschmack angepasster Frisur. Und Garrett? Dass er sich mittlerweile beim Drogenentzug für eine Reality-Soap filmen ließ und mit Verlaub gesagt ziemlich fertig aussieht, will man eigentlich gar nicht wissen. Dann doch lieber Lockenmähne und weit aufgeknöpftes Hemd, als wäre 1977 nie vergangen. Pop! Ewige Jugend!

Aus 15 Minuten wurden 50 Jahre

Wenn das Pop ist, wofür stehen dann die Rolling Stones? Aus der Viertelstunde sind 50 Jahre geworden, womit sie die angeblich systematische Schnelllebigkeit der Popkultur schon länger ad absurdum führen. Keith Richards trägt heute mehr Falten als Gesicht, ihn einen alten Mann zu nennen, könnte aber gefährlich werden. Und nicht Michael Jackson war Peter Pan, Michael Philip Jagger ist es. Jener Mann, der einem Interviewer sagte: „Wenn ich 33 bin, ist Schluss. Dann kommt die Zeit, in der ein Mann etwas anderes tun muss.“ Das Zitat stammt von 1972.

40 Jahre später ist er einfach der ewige Stenz, ein dürrer Dorian Gray, clever, smart, ein Meister der Inszenierung – aber ohne seine Kollegen auch nur ein Mann, dessen Füße nicht bis zum Boden reichen. Zum Glück ist da noch Ron Wood, ein Kindskopf von herrlich unseriösem Charme. Und Charlie Watts, stets umgeben von einer Aura des Unnahbaren. Und natürlich Keith Richards. Als Garrett seine größten Erfolge feierte, sagten Rockfans, denen der schöne Leif selbstverständlich völlig egal war, über Richards Sätze wie diesen: „Mann, sieht der scheiße aus. Der macht’s bestimmt nicht mehr lang, jede Wette.“ Er macht’s noch immer.

Rolling Stones "I Can't Get No Satisfaction"



Aber es gab ja noch andere Stones: Bill Wyman, mit scharf geschnittenem Gesicht und finsterem Blick, einst gut fürs sinistre Image, aber letztlich doch ein vernünftiger Kerl, dem das Dasein als Rockstar und der Zickenkrieg zwischen Mick und Keith irgendwann derart auf die Nerven ging, dass er in den Sack haute. Brian Jones, dessen Frisur von geschätzten 11 748 US-Musikern kopiert wurde, inklusive den kompletten Byrds. Ein talentierter, eitler und schwieriger Geselle, den die Götter so sehr liebten, dass er 1969 unter mysteriösen Umständen den Club der 27er eröffnete. Oder Nachfolger Mick Taylor, im Zeitalter der progressiven Rockmusik für Virtuosität zuständig, behandelt wie ein Leiharbeiter und auf der Flucht, als sein Drogenproblem zu groß wurde.

Man kann fast zu dem Schluss kommen, dass die Geschichten der Rockkultur und der Rolling Stones weitgehend identisch sind. Bescheidene, obsessive Anfänge, Erfolg, Ruhm, Geld, Sex, Rebellion, Glamour, Drogen, Tod, Kunst, Skandale, Streit, Durchhänger, Gigantomanie, Versöhnung, Rückbesinnung, Big Business – alles da. Kaum jemand stand so sehr wie die Rolling Stones dafür, anders zu sein als all die Normalos, rebellischer, individualistischer. Sie konnten 1962 natürlich nicht ahnen, dass zumindest die Insignien des Rock’n’Roll irgendwann Mainstream sein würden, angekommen in der Mitte der Gesellschaft, ästhetisch und kommerziell institutionalisiert. Denn in den Hard-Rock-Cafés dieser Welt sitzen heute gerne reifere Normalos mit Lederjacken, die dort die originale Gitarre von sonst wem bestaunen und beim Bier davon träumen, easy-rider-mäßig die Route 66 runterzudonnern. Jetzt, wo die Kinder aus dem Haus sind. Wenn’s um Inhalte geht, ziehen Rebellen zwar auch heute noch oft den Kürzeren, doch zumindest formal hat der Rock’n’Roll gesiegt. Woran die Rolling Stones einen gewissen Anteil haben.

Weite Teile der Gesellschaft sind heute ein wenig Peter Pan, also auch ein wenig Mick Jagger. Opa geht zum Stones-Konzert, der Enkel geht mit. Der Rock’n’Roll ist gekommen, um zu bleiben, und mit ihm die Rolling Stones. Oder umgekehrt, so genau kann man das heute gar nicht mehr sagen. 50 Jahre Rolling Stones sollte man auf jeden Fall feiern. Und sei es nur deshalb, weil es nicht sicher ist, ob’s zum 60. Geburtstag noch was zu feiern gibt. Denn auch, wenn man es kaum glauben kann: Selbst Keith Richards ist nicht wirklich unsterblich. Er tut nur so.

50 Jahre Rolling Stones:

Im Frühjahr 1962 wird der Grundstein gelegt: Mick Jagger und Keith Richards treffen im Londoner Ealing Jazz Club auf Brian Jones und Pianist Ian Stewart. Im Juli geht dann ihr erster Auftritt als The Rollin’ Stones über die Bühne – der Name ist einem Song von Muddy Waters entlehnt. Im Herbst wird Bassist Bill Wyman rekrutiert, kurz darauf steigt auch Charlie Watts ein, dafür wird Ian Stewart zum Roadmanager degradiert. Womit jenes Line-up komplett ist, das bis 1969 hält und währenddessen enorme Erfolge feiert: Nach den Beatles sind die Stones in den Sechzigern die unangefochtene Nummer zwei. Blues und R’n’B sind die Basis, doch Pop und Psychedelic halten zwischenzeitig Einzug, bis 1968 die Rückbesinnung erfolgt: Der „klassische“ Stones-Sound wird mit dem Album „Beggars Banquet“ geboren und hat – von allerlei Zugeständnissen an zeitgenössische Trends abgesehen – bis heute Bestand. Jones wird 1969 von Mick Taylor ersetzt, dem 1975 Ron Wood nachfolgt. Jene Ausgabe hält bis 1993, als Bill Wyman seinen Ausstieg bekannt gibt. Das bislang letzte Studioalbum der Stones, „A Bigger Bang“, erschien 2005.

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