27.01.2010
Wirtschaft
Cannes - "Die Musikindustrie ist heute die Avantgarde. Denn die Musikindustrie hat das durchlebt, was alle anderen Mediengattungen gerade durchleben. Als erste mussten wir uns der Digitalisierung stellen und unser Geschäftsmodell radikal anpassen. Wir sehen es nun bei Film, TV und Print. Alle sind auf der Suche nach neuen profitablen Geschäftsmodellen und Modifizierung ihres bestehenden Business", erklärte Edgar Berger, CEO bei Sony Music Entertainment GSA, auf der MIDEM in einer Diskussion mit Konzertveranstalter Marek Lieberberg.
"Wir mussten uns nicht komplett neu erfinden, aber die Geschäftsmodelle modifizieren: Wir werten verstärkt die Nebenrechte unserer Künstler aus und nehmen Newcomer nur noch einschließlich aller Nebenrechte unter Vertrag. Das ist logisch und auch fair. Denn wir gehen in Vorleistung – mit unserer Arbeitskraft und auch finanziell. Sony Music Germany investiert jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag in den Aufbau von Künstlern. Das ist sehr wichtig. Denn der Kern aller Geschäftsmodelle – auch der von morgen - ist die Suche und der Aufbau junger Talente. Dass die Majors dabei vom Internet abgelöst werden, halte ich für ein Märchen", so Berger.
Der Konzertveranstalter Marek Lieberberg aus Frankfurt warnte in der Diskussion mit Edgar Berger die Tonträgerindustrie davor, ins Live-Entertainment-Geschäft einzusteigen. "Die Industrie wird durch die niedrigen Margen der Konzertveranstalter ihren eigenen Profit ruinieren und teures Lehrgeld bezahlen."
Berger sagte, kein halbes Dutzend Künstler sei ausschließlich durch das Internet erfolgreich geworden. Im Internet gebe es keine Abteilung, die unter den tausenden von Bandprofilen die spannendsten herauspickt. Berger wörtlich: "Das sind und bleiben die Menschen in den Plattenfirmen. Und wir Major-Firmen können den Künstlern dabei den kompletten Service von A&R, Promo, Marketing und Vertrieb aus einer Hand bieten. Das ist unser Vorteil."
Der CEO von Sony Music Germany setzte sich für die Verbesserung der rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen ein. "Einige Länder der EU sind da schon weiter als wir in Deutschland. Modelle wie Hadopi hier in Frankreich, die auf Verwarnung und bei mehrfacher illegaler Nutzung in letzter Konsequenz Kappung des Internet-Zugangs setzten, sind richtig. Und zeigen Wirkung: Zwei Prozent weniger Internet-Nutzer in Frankreich laden illegal Musik runter. Bei Filme sind es übrigens drei Prozent. Ich habe mich schon immer für dieses Verwarnmodell ausgesprochen und kann dies hier nur bekräftigen", so Berger. Die Provider müssten ebenfalls in die Pflicht genommen werden.
Lieberberg regte an, zwischen Tonträgerfirmen und Konzertveranstaltern faire Kooperationen zu vereinbaren und es so möglich zu machen, neue Acts durchzusetzen: "A&R muss wieder stärker von der Industrie als Sicherung der Zukunft entdeckt werden."