10.09.2012  Recorded Music  Szene

Lieberberg vs. GEMA – Jörg Evers: "unsubstantiierter, verleumderischer Angriff auf die GEMA"

 

München - Nachdem die GEMA vergangene Woche bereits mit einem Statement auf die Vorwürfe von Marek Lieberberg reagiert hat, wendet sich Jörg Evers, Aufsichtsratsmitglied der GEMA, nun in einem offenen Brief persönlich an Herrn Lieberberg. Der Konzertveranstalter hat die GEMA im Streit um die neuen Tarife für Veranstalter in dem Interview mit dem Hamburger Stadtmagazin "Oxmox" als "Big Brother, der das Musikgeschäft aussaugt und die Branche nach Gutsherrenart schikaniert" bezeichnet.

Hier der ungekürzte, offene Brief von Jörg Evers an Marek Lieberberg:

Sehr geehrter Herr Lieberberg,

in bester, gewohnter Manier holen Sie nun wieder zum allgemeinen Rundumschlag gegen die GEMA aus. Da ist dann so richtig Pfeffer drin. Doch überwiegend befindet sich der Pfeffer in Ihren Augen.

Als langjähriger, von den GEMA-Mitgliedern gewählter Aufsichtsrat, der sich in vielen, auch internationalen Gremien für die Interessen der Musikurheber eingesetzt hat und einsetzt, empfinde ich Ihren unsubstantiierten, verleumderischen Angriff auf die GEMA, auf verdiente Aufsichtsratskollegen, wie Frank Dostal und Stefan Waggershausen, wie auch auf den Vorstand, als persönliche Verunglimpfung und Ehrabschneidung, sowie als Beleidigung aller Musikurheber.

Durch Ihre permanenten Unterstellungen angeblich undurchsichtiger Selbstversorgung, obskurer "schwarzer Löcher", gewinnbringender Systemprofite für Aufsichtsräte, schlaraffenlandartiges Nichtstun auf Kosten der Mitglieder, zeichnen Sie mit voller Absicht das Bild einer kriminellen Vereinigung und diskreditieren die Mitglieder der GEMA, insbesondere die von jenen gewählten Aufsichtsräte zu entsprechenden Handlangern und Komplizen. Diesen Affront gegen die Urheber und gegen die von ihnen geschaffene, auf demokratischen Prinzipien fussende, treuhänderisch tätige Verwertungsgesellschaft weise ich mit Entschiedenheit zurück!

Sie, als Althase im Geschäft, sollten doch wissen, dass die Musikwerke und Kompositionen , welche die Urheber in oft mühseliger, langjähriger Arbeit entwickelt und geschaffen haben, die wesentliche Leistung darstellt, deren Nutzung vergütet werden muss. Das Vergütungsinkasso übernimmt dann dessen Treuhänder, die GEMA. Sie beschweren sich mehrmals, dass die GEMA angeblich "keinerlei Investition, keinerlei Risiko" eingehe, nur "den Rahm abschöpfe" und dem "süßen Nichtstun" fröhne. Durch diese Ignoranz verleugnen Sie bewußt, dass ja bereits die Musikurheber und ggf. deren Musikverleger ihre grundlegende Investition in die Entstehung neuer Werke erbracht haben. Der GEMA obliegt es nun,u.a. flankierende Investitionen im Auftrag ihrer Mitglieder in die Vergütungs-Erhebung, Abrechnung und Anteils-Zuweisung lt. demokratisch beschlossenem Verteilungsplan zu tätigen. In unserem zunehmend kleinteiligen Massengeschäft eine große Herausforderung globalen Ausmasses.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der von den Mitgliedern beschlossene, historisch gewachsene Verteilungsplan an einigen Stellen insbesondere den Nicht-Mitgliedern unübersichtlich erscheinen mag. Er wird deshalb auch in einem ständigen "work in progress" mit Mitgliederbeschluss aktualisiert, überarbeitet und gestrafft, wie jüngst bei der Ablösung des PRO-Verfahrens durch das INKA-Verfahren. Das von Ihnen gebrandmarkte "Hexeneinmaleins" wurde dadurch entzaubert und ein inkassobezogenes Verfahren im Live-Bereich eingeführt. Aber offenbar sind diese Entwicklungen Ihrer Kenntnis völlig entgangen oder werden bewußt ignoriert, denn Sie argumentieren fälschlicherweise so, als gebe es den status quo ante noch.

Da die GEMA auch das öffentliche Wiedergaberecht wahrnimmt ( z.B. bei Tonträgerwiedergaben in einer Bratwurstbude, Friseurladen, Fitness-Studio etc.) und die Kosten für einzelne Erfassung des dabei aufgeführten Repertoires unverhältnismässig teuer wäre, ist die GEMA gesetzlich zu Pauschalierungen berechtigt. Die von Ihnen genannten "Windfall-Profite" kämen also allen Urhebern – auch denen von Ihnen erwähnten U2 und Toten Hosen – zugute, und zwar proportional zum Verhältnis zu deren Aufkommen in den relevanten Sparten. Voraussetzung ist natürlich, dass die entsprechenden Rechte der GEMA eingeräumt wurden.

Es ist also keinem auch noch so namhaften Urheber anzuraten, seine Rechte aus der GEMA zu nehmen. Außerdem ist mir noch nie zu Ohren gekommen, dass sich insbesondere anglo-amerikanische Künstler über die Höhe ihrer GEMA-Einkünfte beklagen würden. Das Gegenteil ist meist der Fall.

Sie, verehrter Herr Lieberberg, nennen als leuchtendes Beispiel eines angemessenen Tarifs, eine Show in Hawaii, bei der Sie für die Abgeltung der Urheberrechte bei 9.000 Besuchern angeblich $ 500,-- an die ASCAP oder die BMI entrichten müßten. Bei einem angenommenen Ticketpreis von $ 60,-- ergibt dies eine Brutto-Einnahme von $ 540.000,--. Die Urheber erhalten also weniger als 1 PROMILLE davon! Eine skandalöse Verhöhnung der Leistung der Urheber, die durch ihre Werke und Kompositionen, die zur Aufführung gelangen, die eigentliche Grundlage für das Konzert geschaffen haben!

Sie behaupten, dass diese niedrigen Tarife zum Ergebnis einer "blühenden Musiklandschaft" geführt haben. Dieser kausale Zusammenhang scheint mir reichlich konstruiert. Ich würde sagen, dass es vorwiegend der Schmelztiegel-Eigenschaft der amerikanischen Musiklandschaft zuzuschreiben ist, dass sich TROTZ dieses urheberverachtenden Tarifs eine derartige Musik entwickeln konnte.

Ihre Ausführungen dazu erinnern mich allerdings an die selbstzufriedene, zynische Aussage eines Baumwoll-Plantagenbesitzers im 19. Jahrhundert, der vom Umgang mit seinen Sklaven berichtete: " Gib ihnen weniger zu essen, dann singen sie noch schöner!"

Damit offenbaren Sie - der ja so gerne im Kostüm des Künstler-Fürsprechers auftritt - Ihre eigene Janus-Köpfigkeit, welche Sie denjenigen vowerfen, die den eigentlichen Einsatz für die angemessenen Interessen der Urheber bringen und gerbracht haben. Wir als überzeugte Music-Lover und Music-Maker sollten bei allen Meiningsverschiedenheiten nicht so miteinander umgehen.

Love & Peace & Authors' Rights
Jörg Evers

Aufsichtsrat der GEMA
Member of Executive Committee of CIAM (CISAC)
Board Member of ECSA ( European Composers and Songwriters Alliance)

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