03.03.2016  Live Entertainment  Messen/Events

IPM 2016: Die Alpträume der Touring-Industrie

 

London – Die Flüchtlingskrise in Europa, Probleme bei Visa-Anträgen und eine komplizierte Kommunikation bei der Tourplanung. Die Themen des ILMC Production Meeting (IPM) warfen zahlreiche Fragen auf, Antworten darauf versuchten die internationalen Touring-Experten zu geben.

Insgesamt 250 internationale Production Manager, Agenten und Venue-Betreiber trafen sich am 3. März in London, um sich über die aktuellen Problematiken auszutauschen und Lösungen zu finden. So stand im Capthorne Tara Hotel als neuen Veranstaltungsort zunächst das Panel "Communication Breakdown (it's always the same)" auf der Agenda.

Dieses befasste sich mit der immer schlechter werdenden Kommunikation zwischen Production Managern, Veranstaltern und Agenten. Moderator Carl H A Martin merkte an, dass gerade E-Mails, die die Kommunikation erleichtern sollten, ein Alptraum seien. Sie seien zwar ein gutes Mittel, um den Austausch anzuregen, könnten aber den persönlichen Kontakt nicht ersetzen, ergänzte Jim Digby, Gründer der Event Safety Alliance.

Es brauche wieder einen besseren Dialog zwischen den Production Managern und den Veranstaltern. Denn viele Probleme könnten durch die E-Mail-Kommunikation nicht gelöst werden. So plädierte Martin dafür, vor Tourstart Production Manager durch die Venues zu schicken, um mit solchen Inspektionen sicher zu stellen, dass alles stimmt – so wie sie noch bis in die 1990er Jahre durchgeführt wurden. Das sei unterm Strich nämlich auch nicht teurer als die Zeit, die man dafür brauche, die Unmenge an PDFs und Mails zu bearbeiten.

"Den Chinesen ist scheißegal, wer du bist"

Dem stimmte auch Touring-Expertin Martina Pogacic aus Kroatien zu, die im Anschluss das Panel "2000 Light Years From Home: International travel plannig" moderierte. Grundsätzlich sei es wichtig, weltweit gute Verbindungen zu Konsulaten zu haben, sagte Sophie Amable, Artist & Entertainment Visas Global. Und zwar nicht nur, um zu wissen, für welches Land welche Dokumente wann vorliegen müssen, sondern auch um im Ernstfall, wenn jemand irgendwo festsitzt, schnell handeln zu können.

Es mache zudem aufgrund des wachsenden Tourneegeschäfts Sinn, Botschaften frühzeitig darüber zu informieren, dass eine gewisse Anzahl an Menschen für eine gewisse Zeit ins Land einreise. Die Expertin für Visa-Anträge im Touring-Business riet: "Du brauchst einen zweiten Reisepass. Wenn der einzige verloren geht, hat man ein Problem – mitten im nirgendwo."

Nick Adams von Road Rebel betonte, dass man versuchen müsse, Probleme zu antizipieren und die Reisenden wissen zu lassen, dass es immer einen alternativen Plan gebe. Dem pflichtete Adrian Whitmarsh, Premier Aviation UK Ltd, bei. Am besten sei es, man setze sich neun Monate vor der Tournee zusammen, um mit dem Tourmanager Flugbuchungen durchzugehen und die nötigen Dokumente abzusprechen.

Wenn dann doch unverhofft ein Charterflug nötig sei, würde es, je nachdem man sei, schwierig werden. Oft müsse man dann zu Zeiten fliegen, die unangenehm seien, da Linienflüge Vorrang hätten. "Das kann auch mal um 6 Uhr morgens werden. Und da ist es völlig egal, ob du mit der größten Band der Welt unterwegs bist. Den Chinesen zum Beispiel ist scheißegal, wer du bist. Entweder du fliegst um 6 Uhr oder du sitzt fest."

"Mongolen brauchen fast immer ein Visum"

Wovon absolut abzuraten sei, empfiehlt Adams, sei, Flüge über das Internet zu buchen. Zwar sei dies bequem und einfach, „doch sobald du über das Internet buchst, bist du auf dich allein gestellt.“ Es sei dasselbe Prinzip, wie bei Urlaubsreisen. Mit einem Reiseveranstalter vor Ort habe man immer einen Ansprechpartner. Bei einem Team von 50 Leuten sei der Aufwand ohnehin zu groß und das Chaos vorprogrammiert.

In Sachen Flüge sieht sich Clare O’Conell in einer glücklichen Lage, weil sie mit den Tourneen des Cirque du Soleil sehr lange Vorlaufzeiten von meist über einem Jahr genieße. Deshalb versuche sie, so früh wie möglich Linienflüge zu buchen. Ein Nachteil ergebe sich für sie allerdings der ein Nachteil: "Das Ensemble besteht aus 30 verschiedenen Nationalitäten, und man muss ständig schauen, wer ein Visum braucht und wer nicht. Mongolen brauchen zum Beispiel fast immer eins."

Auf Martina Pogacics Frage, ob die Flüchtlingskrise das Tournee-Geschäft beeinträchtige, antwortete Sophie Amable, Artist & Entertainment Visas Global, mit einem klaren "Ja". "Derzeit ändert sich an den Grenzen europäischer Länder einiges, manchmal sogar über Nacht. Klar, das ist problematisch." Die geschlossenen Grenzen in Europa seien inzwischen auch ein großes Hindernis für das Touring selbst.

"Das Musikbusiness ist reiner Spaß"

So betonte eps-Geschäftsführer Okan Tombulca beim Panel „The Wheels on the Bus Go Round: Transport Spotlight“, dass beispielsweise Equipment-Lieferungen zwischen der Türkei und Deutschland eine Woche später ankommen, als eigentlich geplant. Und das sei für das Touring-Business eine extreme Zeitspanne, da heutzutage die Tourneen in knapperen Zeiträumen gebucht werden.

Ein Problem, mit dem sich auch die Transport-Unternehmen auseinandersetzen müssen. „Früher planten die Agenten eine Tour für einen Zeitraum von drei Monaten, heute sind es eher drei Wochen“, meint Joerg Philipp vom Touring-Busunternehmen Beat the Street. Manche Länder- oder EU-Regulierungen würden das Geschäft ebenfalls nicht leichter machen. So seien Feinstaubplaketten eine einzige Geldmacherei. In London könne man bei entsprechenden Zahlungen nämlich trotzdem reinfahren.

Auch Fahrverbote für LKWs an Sonntagen wie es sie in Italien und Deutschland gibt, erleichtern nicht gerade die Arbeit, sagte Kees Brouwer vom Logistik-Unternehmen Pieter Smit. Doch auch damit werde man sich arrangieren, ähnlich wie mit den Lenkzeiten.

Dennoch kämpfen alle mit einem harten Preiskampf. Gerade für Dienstleister wie eps, die Equipment für Festivals und Open-Air-Shows verleihen und transportieren, werde es immer schwieriger. Immerhin müsse man in drei, vier Monaten die Einnahmen für das gesamte Jahr machen. So fasste Tombulca zusammen: „Das Musikbusiness ist reiner Spaß – wir verdienen kein Geld mehr damit.“

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