18.01.2016  Live Entertainment  Messen/Events

Eurosonic Noorderslag 2016: „Habt keine Angst vor Marek Lieberberg und anderen Monstern“

 

Groningen - Marek Lieberberg ist seit Jahrzehnten der erfolgreichste Veranstalter in Deutschland. Beim Keynote-Interview mit Allan McGowan während des Eurosonic Noorderslag 2016 erzählte er von seinem Leben, seiner Karriere und seinen Zukunftsplänen als CEO von Live Nation Germany.

Geboren in Frankfurt am Main als Kind von Überlebenden des Holocaust, wusste Marek Lieberberg bis zu seinem siebten Lebensjahr nichts über seine eigenen Wurzeln. Erst als ihn sein bester Freund als „Saujude“ bezeichnete, setzte er sich mit seiner Herkunft und der Religion auseinander.

Mit neun Jahren ging es für ihn schließlich auf ein jüdisches College nach Brighton. Doch die Zeit war hart, die Situation für einen Jungen aus Deutschland merkwürdig, erinnert sich Lieberberg: „In England war ich Deutscher, in Deutschland war ich Jude.“

Diese Zeit prägte ihn bis heute. Er habe gelernt, auf sich alleine gestellt zu sein, seinen eigenen Weg zu finden. „Das machte mich aber auch zu einem Weltbürger“, sagt er.

„Die dunkle Seite meiner Karriere“

Nach einer Schulausbildung in England, kam er mit etwa 14 Jahren zurück nach Deutschland und gründete dort die Cover-Band The Ranger. Während dieser "dunklen Seite seiner Karriere", wie er sie nennt, tourte er ausgiebig durch Deutschland, spielte auf Schulpartys, Restaurants.

„Das Leben in Deutschland in der Nachkriegszeit war hart. Der einzige Rückzugspunkt, den wir hatten, war Popmusik“, erinnert sich Lieberberg. Mit seinem Transistorradio hörte er Sender wie Radio Luxemburg, spielte die Songs der Zeit nach.

Nach einiger Zeit entschied er sich gegen die Fortsetzung der Bandkarriere. „Ich war nicht der beste Sänger, war zwar ehrgeizig, aber kein Illusionär“, sagte der heute 69-Jährige. Eines hat ihn die Zeit gelehrt: er verstand, worum es bei einer Tournee geht.

"Ich bin auch heute noch mehr Redakteur als Veranstalter“

Nachdem Lieberberg sein Studium der Soziologie abbrach, arbeitete er für den Deutschen Pressedienst. Nach vier Jahren als Redakteur in Frankfurt, Berlin und Bonn folgte ein Engagement bei einem „Pionier des deutschen Live Entertainments“, wie ihn Lieberberg nennt, bei Peter Hauke.

Für ihn schrieb er Pressetexte zu Bands und Solokünstlern, lernte so alles über Pressearbeit, Marketing und Promotion. Und auch heute noch, sagt er, sei er immer noch mehr Redakteur als Veranstalter.

Erstes Powerhouse in Deutschland

Ende der 1960er lernte er in einem Hotel den „wunderbaren Mr. Marcel Avram – den Pionier des internationalen Tourings“, wie ihn Lieberberg beschreibt, kennen. Kurz darauf beschlossen sie das „erste Powerhouse des Konzertgeschäftes in Deutschland“ zu gründen.

Denn Horst Lippmann und Fritz Rau brachten zwar große Stars wie Duke Ellington und Ella Fitzgerald nach Deutschland ebenso wie Jethro Tull, Jimi Hendrix und The Doors. Doch beide waren passionierte Jazzer, Rau hatte nie den Rock'n'Roll geliebt.

"Was Papa – Rau – kann, das kann Mama locker"

Marcel Avram und Marek Lieberberg gründeten also 1970 die Konzertagentur Mama Concerts. „Wir begannen Popmusik zu machen, waren der Meinung 'Was Papa - also Rau - kann, das kann Mama locker'". Doch drei Jahre später waren sie fast pleite.

Das Genick gebrochen hatte ihnen fast die Tournee mit Frank Sinatra, der in Deutschland eher für seine Verbindung mit der Mafia bekannt war. Das Konzert in der Jahrhunderthalle Frankfurt war zwar ausverkauft, die restlichen Termine in Hamurg, Köln und Wien waren ein Flop.

Doch glücklicherweise kamen 1975/1976 dann Cat Stevens und Leonard Cohen auf Tour. Mit diesen Erlösen ging's für Mama Concerts wieder aufwärts. Das Unternehmen wurde sogar zu der Adresse für Popmusik.

Durch das Labyrinth musste man erst einmal durchsteigen“

Die größte Herausforderung der Zeit war es, Kontakte zu knüpfen, den Namen des Managers einer Band und seine Adresse herauszufinden, einen Termin zu bekommen. „Durch das Labyrinth von Plattenfirmen, Verlagen und anderen Unternehmen musste man erst einmal durchsteigen“, erklärt Lieberberg.

Nach und nach lernte er viele Agenten aus Großbritannien und aus den USA kennen. So machte er bereits in den 70er Jahren die erste Amerika-Reise nach Los Angeles, um Ken Fritz, den Manager von Neil Diamond zu treffen und ihn davon zu überzeugen, dass sie auch ohne große Erfahrung perfekt für seinen Künstler waren. Und das funktionierte.

Versuche eine faszinierende Person zu sein“

Sein Geheimnis? „Ich kannte alle Seiten des Business“, sagte Lieberberg. Er kannte die Bedürfnisse der Künstler, die Aufgaben der Veranstalter sowie die Kunst des Marketing und der Promotion. In dem Job gehe es darum, den anderen davon zu überzeugen, die richtige Person für den jeweiligen Auftrag zu sein.

So rät er: „Versuche eine faszinierende Person zu sein, mache dich attraktiv.“ Für ihn selbst war es wichtig, sich ein umfassendes Wissen in den Bereichen Theater, Oper und Kunst anzueignen. Über andere Dinge zu reden sei nämlich oft wichtiger als die reine Unterhaltung über die Bands.

Mama Concerts gäbe es wahrscheinlich heute noch“

1984 gingen Marek Lieberberg und Marcel Avram nach einem langen Streit getrennte Wege. Lieberberg verzichtete, wie er sagtm sogar auf seine Anteile, wollte frei sein und aus der Firma aussteigen.

Heute sagt er: „Wenn Marcel und ich charakterlich nicht so unterschiedlich gewesen wären, gäbe es Mama Concerts wahrscheinlich heute noch. Heute haben wir eher eine nostalgische, freundschaftliche Beziehung.“

Mit der kurz darauf gegründeten Marek Lieberberg Konzertagentur (MLK) organisierte er Tourneen u.a. von Aerosmith, Bon Jovi, Bruce Springsteen, Sting oder Bryan Adams, baute Bands wie U2 auf, die mit Club-Gigs starteten und nun Stadium-Shows spielen.

Es bin immer noch ich“

Mit dem 1. Januar 2016 stieg Marek Lieberberg aus dem selbst gegründeten Unternehmen aus, um als CEO bei Live Nation Germany zu arbeiten. Vor einigen Jahren versprach bereits Live-Nation-Chef Michael Rappino, sich als Mehrheitsteilhaber an der Marek Lieberberg Konzertagentur zu beteiligen. Dieses Versprechen habe er bis heute nicht erfüllt, erinnert sich Lieberberg. Für ihn gehe es mit der neuen Stelle auf neue Wege.

„Das bin aber immer noch ich, ich bin immer noch da“, scherzte er. Bis zum letzten Moment habe er bei der Marek Lieberberg Konzertagentur seine Aufgaben erfüllt, war jahrzehntelang das „Powerhouse“ in der deutschen Veranstalterszene. Nun sei es aber an der Zeit gewesen für neue Herausforderungen. Und mit der Organisation des Festivals „Rock am Ring“ für MLK bleibe er mit dem Unternehmen dieses Jahr noch weiterhin verbunden.

Ich bin gegen die Invasion der Amerikaner“

Mit dem Einstieg von Live Nation sprechen gerade viele von einer Invasion der Amerikaner. „Ich kann das nicht mehr hören“, betont Lieberberg. „Wir nehmen keinem etwas weg und ich spucke auch kein Feuer. Ich kann zwar hart austeilen, aber ich diskutiere gerne mit jedem alles aus.“

Das Business habe sich gerade in den letzten Jahren deutlich geändert, sei härter geworden. Seinen Branchenkollegen gab er zum Schluss noch einen Rat: „Das Wichtigste ist und bleibt die Persönlichkeit. Denn wenn die passt, brauchst du keine Angst haben und wirst du Freund sein von Marek Lieberberg und der anderen Monstern.“

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