04.07.2016

Jörg Heidemann (VUT) im Interview: Kein Platz für Vielfalt im Radio?

 

Der VUT ist sauer. In scharfer Form kritisiert der Verband unabhängiger Musikunternehmen e. V. die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland für ihre Programmpolitik. Statt die kreative Kulturlandschaft abzubilden und zu fördern, werde alles aus den Hörfunkprogrammen gestrichen, was "Ecken und Kanten" habe.

"Mit öffentlichen Geldern wird Formatradio betrieben und die kulturelle und musikalische Vielfalt eingeschränkt", erklärt Jörg Heidemann, Geschäftsführer des VUT. "Wir fordern von den Rundfunkanstalten und den für sie zuständigen Kontrollgremien, sich wieder auf den Kultur- und Bildungsauftrag zu besinnen." Geschehe dies nicht, bleibe den Hörerinnen und Hörern eine eindimensionale Radiolandschaft, welche zu einem weiteren Rückgang der Hörerzahlen führen wird.

Um noch mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen, startete des VUT jetzt eine Social-Media-Kampagne und wirbt unter dem Motto "#mehrvielfaltimradio – Unterstütze unseren Aufruf!" bei seinen Mitgliedern und in der Öffentlichkeit für seine Positionen. "musikmarkt"-Autor Michael Schmich sprach mit Jörg Heidemann über Hintergründe und Ziele der Verbandsforderungen.

musikmarkt: Der VUT kritisiert die öffentliche-rechtlichen Sendeanstalten wegen der Einschränkung von kultureller und musikalischer Vielfalt. Auf welchen Erkenntnissen beruhen Ihre Vorwürfe?
Jörg Heidemann: Dazu muss man eigentlich nur mal das Radio – von Sonderfällen wie Berlin abgesehen – einschalten, um zu hören, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender immer mehr den Privaten angenähert haben. Ein vielfältiges Musikprogramm ist hier Fehlanzeige oder findet nachts statt und nicht zu den Zeiten, beispielsweise am Morgen, wenn die meisten Menschen einschalten. Wo sind hier die neuen, aufstrebenden Künstler zu hören? Wir finden, dass hier auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Beitrag zur Nachwuchsförderung leisten kann und muss. Unsere Mitglieder, die kleinen und mittelständischen Musikunternehmen, sind mit der Entwicklung von neuen Künstlern befasst, und wenn man sich dann anguckt, wie viele Künstler von unabhängigen Musikunternehmen in den Top-100-Radio-Charts zu finden sind, so sind es viel zu wenige: 2015 waren nur sieben Prozent der Top 100 Independents. Demgegenüber steht ein Marktanteil von inzwischen 35 Prozent, das zeigt uns, dass die Hörer die Musik der unabhängigen Musikunternehmen kaufen und hören wollen. Nur im Radio finden sie nicht statt.

musikmarkt: In welcher Form genau verstoßen die Öffentlich-Rechtlichen gegen den – wie Sie es formulieren – "im Rundfunkstaatsvertrag verankerten Kultur- und Bildungsauftrag"?
Jörg Heidemann: In §41 Absatz 2 des Rundfunkstaatsvertrags steht "Die Rundfunkvollprogramme sollen zur Darstellung der Vielfalt im deutschsprachigen und europäischen Raum mit einem angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung beitragen […]". Musikalische und kulturelle Vielfalt wird unserer Meinung nach nicht in ausreichendem Maße im Radio abgebildet. Das könnten die Sender ändern, beispielsweise indem eine breitere Titelauswahl und Auswahl an Künstlern im Programm stattfindet. Damit würde für mehr Abwechslung gesorgt und mehr Musikern ein Platz im Programm verschafft werden. Zudem sollten junge Künstler zur Hauptsendezeit gespielt werden und nicht nur in den Spezialsendungen. Mehr redaktionelle Musikprogramme würden gerade jungen Menschen mehr Raum zum Entdecken von neuer Musik bieten.

musikmarkt: Welche Anstalten bzw. Programme ignorieren beispielsweise besonders eklatant das Gebot der Vielfalt?
Jörg Heidemann: Die geneigten Hörer können sich beim Ein- und Umschalten des Radios sofort ein eigenes Urteil bilden.

musikmarkt: Fühlen Sie sich hier auch strukturell gegenüber den großen Labels benachteiligt?
Jörg Heidemann: Ja, aber für gleiche Wettbewerbsbedingungen und Marktzugang zu sorgen, ist der Gründungsauftrag des VUT. Die Majors haben natürlich andere Ressourcen als kleine und mittelständische Musikunternehmen. Aber aufgrund des Kultur- und Bildungsauftrags hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade hier die Pflicht, den unterschiedlichsten Künstlern eine Plattform zu bieten – und die sind eben nicht nur bei den drei multinationalen Konzernen unter Vertrag.

musikmarkt: Nun verfügen mittlerweile ja zumindest einige ARD-Kulturwellen sowie die Programme des Deutschlandradios über eine gute Zahl an Sendeplätzen mit anspruchsvollen sowie neuen Angeboten aus dem Bereich der Pop- und Rockmusik. Reicht dies nicht aus?
Jörg Heidemann: Natürlich ist das gut und richtig, jedoch nicht ausreichend. Für eine breitere Titelauswahl, mehr junge Künstler zur Hauptsendezeit usw. kann schließlich jeder Sender sorgen – unabhängig von seinem Schwerpunkt. Und dass man mit einem anspruchsvollen Programm erfolgreich sein kann, sehen wir ja am Beispiel Radio Eins in Berlin. Es reicht definitiv nicht, dass die Rundfunkanstalten sagen, dass sie bestimmte wenige Sender haben, die ein vielfältiges Programm bieten.

musikmarkt: Wie hoch müsste sich Ihrer Meinung nach der Anteil an entsprechender Vielfalt in den Programmen widerspiegeln? Die Sender berufen sich ja auch auf ihren Unterhaltungsauftrag, argumentieren, dass auch ein guter Anteil an populärer Musik in ihren Programmen enthalten sein muss.
Jörg Heidemann: Uns ist klar, dass die Sender nicht anhand eines Labels ihre Musikauswahl treffen, aber wenn man bedenkt, dass der Marktanteil der Independents insgesamt bei 35 Prozent liegt und somit der Beweis vorliegt, dass diese Musik gerne gehört wird, dann fragt man sich, weshalb sie nicht im Radio stattfindet. Gerade wenn die Sender sich darauf berufen, dass es ihnen um Qualität geht und was ihre Hörer mögen. Wer sagt außerdem, dass die Musik der unabhängigen Musikunternehmen nicht populär und erfolgreich ist? Da braucht man nur auf Adele zu schauen oder hier in Deutschland auf Künstler wie Cro, Moderat und Boy.

musikmarkt: Die von Ihnen vorgetragenen Appelle sind ja nicht neu. Müssten hier denn nun nicht die Aufsichtsgremien der Anstalten eingreifen? Oder ggf. sogar die für den Rundfunkstaatsvertrag letztlich verantwortlichen Länderparlamente?
Jörg Heidemann: Wir sind auch hier im Gespräch. Zudem hatten wir uns bereits letztes Jahr mit unserem Positionspapier an die Rundfunkanstalten gewandt, um ins Gespräch zu kommen und direkt mit den Verantwortlichen zu sprechen. Leider ohne Erfolg.

musikmarkt: Im Vergleich zu den privaten Mitbewerbern verfügen die öffentlich-rechtlichen Programme noch über eine gute Zahl an musikredaktionellen Inhalten. Die Privatsender haben diese Angebote weitgehend abgebaut. Muss man den Privatfunk nicht in die Kritik einbeziehen?
Jörg Heidemann: Die Privatsender könnte man natürlich ebenso kritisieren, aber sie sind nicht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag verpflichtet.

musikmarkt: Ist ein werbefreier ARD-Hörfunk die Lösung Ihrer Probleme?
Jörg Heidemann: Nicht zwingend.

musikmarkt: Die GEMA zeichnet seit Kurzem Radioprogramme mit besonders hohem Kulturanspruch mit Preisen aus. Liegt hierin nicht ein erster Ansatz zur Besserung der Lage?
Jörg Heidemann: Alle Künstler, alle Labels, alle Verlage, alle Musikinteressierten, überhaupt alle, die mithelfen wollen, ein mutigeres, vielfältiges Radioprogramm zu verwirklichen, sollten unserem Aufruf #mehrvielfaltimradio folgen. Wir begrüßen ausdrücklich auch die Initiative der GEMA, aber es wird wohl noch ein langer Weg vor uns liegen.

| Michael Schmich

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